Warum die Trotzphasen so wichtig sind und ich ihr dennoch keine Träne nachweine

19. Februar 2018 -



Was ich so gar nicht gut hingekriegt habe, war die so genannte Trotzphase, als die Kinder so zwei bis drei Jahre alt waren. In dieser Zeit gab es immer wieder Wut- und Schreialarm – für mich völlig unbegründet. Das Schlimmste daran war für mich, dass ich es ihnen gar nicht recht machen konnte.

Was ich auch sagte oder tat, es war mit Sicherheit das Verkehrte. Mit Grauen denke ich an das Frühstücken in dieser Zeit zurück – mit drei Kindern so ungefähr im selben Alter war die Chance recht hoch, dass einem der lieben Kleinen irgendetwas nicht passte.

Mal Butter aufs Brot, mal Brot pur, dann wieder Corn Flakes oder Müsli, und neiiiiiinnnn Mama wie kannst Du da nur Milch reinschütten. Was wochenlang gut war, ist plötzlich einem gewaschenen Wutanfall würdig. Am Besten war ich diesen Schreiattacken und Zornestränen gewappnet, wenn es mir gelang, dem Drama mit Gleichmut zu begegnen.

Kühlschranktür auf, komplettes Sortiment raus und hübsch um den Kinderplatz drapiert. Bitte, wertes Kind, wähle selbst aus. Da sowieso nichts recht zu machen ist in dieser Phase, funktioniert es immer noch am besten, das Kind so zu überraschen, das es sein Programm „Ich lehne alles ab“ schlagartig vergisst.

Phantasiegeschichten ablenken

Mein Mann konnte das immer besonders gut. Er hat sie einfach auf den Arm genommen, ist mit ihnen weggehopst und hat sie mit einer unglaublichen Geschichte aus seiner Phantasie auf andere Gedanken gebracht.

Aber bei mir hat das so nie funktioniert, dazu war ich einfach zu eingefahren darin, mein Programm abzuspulen. Wahrscheinlich ist das das wahre Problem. Die Kinder entdecken in dieser Phase immer mehr ihr eigenes Ich, ihren Willen, ihre freie Entscheidungskraft und bemerken, dass sie plötzlich dem Programm der Eltern etwas entgegen zu setzen haben.

Kind möchte heute lieber Sandalen anziehen als Winterstiefel. Argumente der Vernunft, wie der Hinweis, dass draußen Schnee liegt, helfen da recht wenig. Auch wenn es schwerfällt, machen lassen, hilft immer noch am Besten.

Mein Sohn hat sich eine zeitlang regelmäßig die Schuhe im Auto ausgezogen und wollte sie zum Aussteigen partout nicht wieder anziehen. Schließlich, als alles bitten und betteln nichts half und mir gerade der Kragen platzte, ließ ich ihn strumpfsockig durch den Schnee gehen. Und das war das letzte Mal, dass er sich seine Schuhe nicht wieder von selbst angezogen hat. Es war ihm wohl zu kalt gewesen – grrr.

Den eigenen Willen entdecken

Meine Tochter entdeckte schon sehr früh ihren eigenen Kleiderschrank. Maria Montessori gemäß hatten wir es so eingerichtet, dass die Kinder selbst an ihre Klamotten herankommen können. Während sich die Jungs bis ins Vorschulalter überhaupt nicht selbst anzogen und ich ihnen eigentlich immer etwas überstülpte, begann meine  Tochter schon mit drei Jahren sich ihre Garderobe selbst zusammen zu stellen.

Die Kombinationen sagten mir nicht immer zu. Sie bevorzugte z.B. wochenlang Rüschenrock über Jeans. Es sah komisch aus, aber ich überwand mich sie so in den Kindergarten gehen zu lassen. Hätte ich sie dazu gezwungen sich meiner Norm entsprechend umzukleiden, hätte ich mit einem Wutanfall rechnen können. Es gibt Situationen, da muss ein Kind einfach das tun, was die Großen für richtig halten wie etwa der Fahrradhelm zum Radfahren, aber wenn es um Kleidung und andere Vorlieben geht, lasst Eure Kleinen doch einfach machen. Ihr schont Eure Nerven und belohnt Eure Kinder auch noch mit dem guten Gefühl, etwas ganz alleine und selbständig entschieden und erledigt zu haben.

Is this drama really necessary?

Wo man den Trotzreaktionen so einfach entgehen kann, sollte man sich die Energie sparen. Pullis falsch herum, im Schlafanzug in die Kita gehen, zwei Unterhosen übereinander und keine Lust sich noch einmal umzuziehen, ok Kind, es entspricht nicht ganz meinem Idealbild, aber es gibt Schlimmeres. Beim Essen fällt mir dieses Gelassensein schon etwas schwerer. Ich lege großen Wert darauf, dass sich meine Kinder gesund ernähren und nicht dauernd Fertigprodukte, Wurst und Zuckerzeug essen.

Wenn ich aber mit Menschen rede, die schon länger Eltern sind, hat mir das immer sehr gut getan. Solche Gespräche relativieren diese stressige Trotzzeit ein wenig. Und wenn sie nun heute Lust auf Pudding mit Ketchup haben, ommmmm. Gelassenheit hilft viel und mein Mantra: Es ist alles nur eine, wenn auch von mehreren Phasen!

Wutanfälle in der Öffentlichkeit

Komischerweise bin ich immer ziemlich gelassen geblieben, wenn es sich um Wutattacken in der Öffentlichkeit handelte. Irgendwie war ich da resoluter. Wenn ein Kind sich auf den Boden legte und schrie, habe ich es einfach in den Arm genommen und bin mit ihm zum Auto gegangen.

Irgendwie war mir klar, dass das Kind sich nicht so aufführt, um mich bloß zu stellen oder zu ärgern. Es ging dabei nie um meine Person, also soll man so einen Trotzanfall auch nie persönlich nehmen. Oft passieren diese berühmt-berüchtigten Supermarktszenen, in die wohl jede Mutter und jeder Vater einmal kommt, am Ende anstrengender Tage mit übermüdeten Kindern, die eigentlich nur heim wollen und gar nicht mehr können.

Und in solchen Situationen kriegt ein Kind auch schon mal einen Lutscher von mir oder ein kleines Pixi-Buch. Warum ein erzieherisches Exempel statuieren, wenn jemand gerade am Ende seiner Leistungsfähigkeit ist. Manchmal jedoch habe ich das Kind auch einfach ins Auto gesetzt und ihm gesagt, ich habe noch zwei andere Kinder, die ich jetzt zusammen mit den Einkäufen bei der freundlichen Kassiererin abholen muss und dass ich gleich wieder da bin.

Solche Wutanfälle im Supermarkt kamen bei uns zum Glück so gut wie nie vor. Lag es daran, dass ich sie am liebsten alleine erledigte oder an meinen geschickten Bestechungsversuchen? Oder aber an der Schläue meiner Kinder?

Eine Situation die mir besonders in Erinnerung blieb

Ich erinnere mich noch gut daran wie sie laut johlend mit den kleinen Wägelchen durch die Gänge brausten bis sie Ärger mit dem Supermarktpersonal bekamen. Mir war das egal, denn immer noch besser glücklich johlende Kinder, die ein bisschen über die Stränge schlagen, indem sie mit ihren Wägelchen Wettrennen machten, als zornige Kinder gefangen im eigenen Wagen.

Das Lustigste was mir je beim Einkaufen passiert ist: Eines meiner Kinder kam gar nicht auf die Idee sich zu grämen, wütend zu werden oder zu heulen, dass ich beim Süßigkeitenregal mit einem definitivem Nein vorbei gestürmt war: Er holte sich einfach zwei der netten lila Hasen – die großen, klar – und schälte sie aus dem Silberpapier. Da die Ohren schon abgebissen waren, musste Mama die Osterhasen zähneknirschend kaufen. Die Kinder waren entzückt. Danach wussten sie, wie das ging mit der Kaufentscheidung.

Einen Orden für Eltern

Das Erlebnis aus dieser Trotzphase, das ich nie vergessen werde, war aber folgendes: Wir waren im Herbst spazieren an einem Gebirgssee zu dessen Ufern steile Böschungen hinabgingen. Die Kinder fanden es wunderbar im raschelnden Laub zu spielen. Doch irgendwann wurde es kalt und wir wollten weitergehen. Töchterchen wollte das nicht.

Als wir den Hang hinaufgestampft waren, legte sie sich wieder hin und rollte alles wieder hinab. Ich ging sie holen. Das Spiel ging etliche Male so weiter. Irgendwann konnte ich nicht mehr und ich habe sie energisch in ihren Kinderwagen verfrachtet.

Die Antwort war lautes Brüllen. Dieses hielt die ganze Heimfahrt über an. Mein Wunsch nach einem Schläfchen im Auto wurde nicht erhört. Zuhause setzte sich das Kind schmollend hinters Sofa. In dieser unbequemen Lage schlief sie doch tatsächlich ein!

Mein Kind, das sonst immer nur im Kindersitz, Wagen oder Bett einschlafen konnte. Erleichtert atmete ich auf, doch zu früh gefreut. Als das Kind erwachte, schaute es aus seinem Versteck heraus und als es mich erblickte, begann das Wutgebrüll sofort in unverminderter Lautstärke erneut.

Warum ich Euch dieses Erlebnis erzähle? Es war keineswegs besonders lustig für mich, obwohl meine Tanten, die dabei waren, bis heute darüber lachen wie lustig es gewesen wäre, als das Kind immer wieder durchs Laub gekugelt sei. Das Kind jedenfalls erinnert sich da schon lange nicht mehr dran und schaut nur leicht ungläubig, wenn wir so etwas erzählen.

Wie es für sie war, weiß ich bis heute nicht, nur wie es für mich war. Und deshalb möchte ich allen Mamas und Papas an dieser Stelle mal einen Orden verleihen. Ihr macht das richtig super, bleibt gelassen, versucht zu lachen und denkt immer daran, wenn es ganz schlimm wird: „Es ist alles nur eine Phase!“

Eure Verena Wagner (Babytalk – Autorin)

Beitragsfoto: Mark Umbrella / shutterstock

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