Clustern – Wenn sich das Baby zur Raupe Nimmersatt entwickelt

5. Juli 2018 -



Clustern – Aktuell wird Marie (11 Monate alt) nachts häufig wach, um kurz an meiner Brust zu nuckeln und zurück ins Träumeland zu schweben. Für einige Zeit kam sie mit Pausen von 4 bis 5 Stunden sehr gut klar.

Das wird im Fachjargon sogar schon als „durchschlafen“ betitelt. Doch es gibt immer wieder Phasen – wie gerade jetzt – da kommt sie stündlich. Oder öfter. Merkt euch: Je dunkler meine Augenringe, desto öfter war sie wach.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Oft wird die Phase sogar von einem Wimmern, schnellem Atmen oder heftigen Bewegungen begleitet. An der Brust beruhigt sie sich schnell, der Atem normalisiert sich und schläft friedlich ein.

Ich erkläre unserer großen Tochter manchmal, dass sie vielleicht schlecht geträumt hat. „Von leeren Titties“ stimmt sie mir zu. Vielleicht hat Marie in Wahrheit aber auch einfach Schmerzen.

Wachstumsschmerzen, Zahnschmerzen. Egal. Irgendwas löst ein Unwohlsein aus. Und ich bin da. Immer. Jedes Mal.

Das war nicht immer so. Bei meiner Großen noch, da habe ich mir reinreden lassen: „Das Kind muss durchschlafen“. „Zu viel essen ist doch nicht normal, sie wird nicht satt, fütter zu!“. “Wechsel mal auf 1er-Milch oder mach Schmelzflocken mit rein, damit sie länger satt bleibt!“.

Es waren wohl gut gemeinte Ratschläge. Aber das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Marie clustert einfach nur. Das ist ein natürlicher Prozess, den man mit Zufüttern oder gar dem Schnuller nicht stören sollte.

Was ist Clustern?

Der Begriff Clustern kommt aus dem Englischen und bedeutet „anhäufen“. Gerade frischgeborenen Babys wird zugeschrieben, zu clustern. Dieses Anhäufen der Mahlzeiten ist normal und kommt oft vor!

Das liegt daran, dass sie anatomisch noch gar nicht in der Lage sind, größere Mengen an Nahrung aufzunehmen. Die Mägen von Neugeborenen sind winzig klein und wachsen erst mit der Zeit.

Doch leider ist ihr Energieverbrauch noch recht hoch, das Stillen erschöpft sie schnell. Also essen sie in kleinen Abständen immer wieder kleine Portionen.

Die Babys essen dabei über mehrere Stunden hinweg, schlafen dabei ein, wachen wieder auf, um weiter zu essen. Dieses Clusterfeeding ist ein völlig natürlicher Prozess.

Durch das häufige Saugen wird Prolaktin freigesetzt, das Hormon bewirkt die Milchbildung und sorgt so langfristig für ordentlich Nachschub. Daher ist es auch contra-produktiv, wenn ihr anfangt zuzufüttern:

Je öfter und länger Babys angelegt werden, desto mehr Prolaktin wird ausgeschüttet und desto mehr Milch wird produziert. Eine simple Rechnung. Mit steigender Größe des Magens, vergrößern sich automatisch auch die Zeitintervalle des Stillens.

Warum das Schnullern in dieser Zeit schädlich sein kann

Durch das lange Stillen beim Clusterfeeding produzieren die Babys ein Hormon (Cholezystokinin) welches ein Sättigungsgefühl auslöst – auch, wenn sie noch nicht satt sind.

Nach kurzer Zeit fällt der Hormonspiegel, damit das Sättigungsgefühl und die Babys essen, bis sie wirklich satt sind. Würde man hier nun mit einem Schnuller eingreifen, würde man das sensible System aushebeln.

Das Kind ist vor dem Sättigungsgefühl ruhig gestellt und nimmt weniger Nahrung zu sich. Es nimmt also auch nicht so stark zu.

Demnach empfehle ich euch, nur in Extremsituationen zum Schnuller zu greifen und euch einfach nicht irritieren zu lassen. Egal was Opa, Oma, Tante oder beste Freundin (am besten kinderlos) zu euch sagen. (Wenn schon Schnuller, dann empfehlen wir einen entwicklungs- und kiefergerechten Schnuller, Hinweis der Redaktion)

Clusterfeeding bei älteren Babys

Mit jedem Wachstums- oder Entwicklungsschub kann es allerdings sein, dass Babys erneut zu Clusterfeeding neigen. Auch das ist völlig normal!

Der Energiebedarf der Kinder ist in dieser Zeit höher, sie brauchen mehr Nahrung. Lasst euch nicht verunsichern, macht Netflix an und versucht diese Zeitspannend möglichst relaxed durchzustehen. Es wird auch wieder besser.

Clustern auch bei Flaschenkindern?

In meinem Babykurs war eine junge Mutter, die sich durch das Essverhalten ihres Kindes stark verunsichert zeigte. Es war ein Flaschenkind (4 Monate), welches die Mahlzeiten nicht wie „vorgeschrieben“ auf der Packung einnahm:

Mal war es mehr, mal war es weniger, als die angeratene Durchschnittsmenge. Dann hat das Baby auch noch sämtliche Zeitpläne der Mutter verworfen und sich entschieden unregelmäßig Hunger zu haben.

„Ich habe doch keine Lust das Baby jede Stunde zu füttern! Und planen kann ich so auch nichts mehr!“.

Viele Stillmütter werden bei dieser Frustration wohl nur milde lächeln, immerhin gehört das bei ihnen ja dazu. Gleichmäßige Mengen? Keine Ahnung, wir haben keinen eingebauten Messbecher.

Regelmäßige Mahlzeiten? Nun gut, es gibt noch Hebammen, die empfehlen das Kind nur alle 4 Stunden zu stillen und es bis dahin hungern zu lassen. Das ist aber ziemlich altbacken, eine Quälerei und einfach nur falsch.

Aufgeklärte Mütter stillen nach Bedarf – so wie es Naturvölker eben auch tun. Unsere Große bekam die Flasche ab dem 6. Monat.

Das Bedürfnis nach Liebe

Mir kam es aber nie in den Sinn feste Zeiten einzuführen oder dem Kind das Essen zu verweigern, nur, weil es mir nicht in den Zeitplan passt.

Babys sind Lebewesen und keine Roboter.  Sie müssen früh genug in der Leistungsgesellschaft funktionieren. Aber bitte nicht mit 4 Monaten.

Auch Flaschenkinder erleben Entwicklungsschübe, benötigen kurzzeitig mehr Energie und damit Nahrung. Was aber ebenfalls zum Tragen kommt: Füttern bedeutet Nähe.

Babys stillen durch das Nuckeln – sei es an der Brust oder der Flasche – oft ihr Bedürfnis nach Nähe. Sie liegen dabei im Arm ihrer Bezugsperson. Fühlen sich sicher und geborgen.

Und manchmal da brauchen sie eben auch mal mehr Sicherheit und Geborgenheit. Nach einem Tag voller neuer Eindrücke etwa. Unter diesem Gesichtspunkt fällt es den genervten Eltern vielleicht leichter das Clusterfeeding zu ertragen.

Vertraut eurem Gefühl

Und bitte seht von Schritten ab, die gern in Foren oder anderen Plattformen kommuniziert werden: „Gebt dem Baby endlich Abendbrei, damit es durchschläft!“, “Wechselt doch auf 1er/2er Nahrung“, “Gebt Schmelzflocken in die Flasche, dann ist sie länger satt“.

Auch wir haben diese Tipps erhalten und umgesetzt. Bis wir festgestellt haben, dass sie Bullshit sind. In den meisten Fällen ist das Verhalten des Babys völlig normal.

Natürlich gilt – wie immer – das Gefühl der Eltern. Wenn ihr denkt, dass das Baby zu wenig zunimmt oder ein Mangel vorliegt, sprecht mit Experten. Fragt euren Kinderarzt, eine Stillberaterin oder Hebamme.

Aber bitte unterlasst Experimente auf eigene Faust. Wer zudem unter Schlafentzug durch anhaltendes Clusterfeeding leidet, sollte sich ebenfalls Hilfe holen.

Generell sollte Clustern dem Baby gut tun, ohne die Mama komplett auszulaugen. Ein wichtiges Resümee, welches ich selbst auf die harte Tour gelernt habe.

Eure Yasmin (Babytalk – Autorin)

Beitragsfoto: Tomsickova Tatyana / shutterstock

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