Interview mit Dr. Ulrich Chefarzt einer Frühchenstation

27. März 2018 -



Viele Eltern werden von heute auf Morgen mit einer Situation konfrontiert, mit der erstmal nicht gerechnet wird:

Sie werden früher als erwartet Eltern.

Bis kurz vor der Geburt geht man davon aus, eine normale Geburt und eine perfekte Schwangerschaft zu haben.

Oft ist das aber leider nicht so, aus vielen verschiedenen Gründen kommt das Baby zu früh. Ein Frühchen zu bekommen, ist eine Situation, die  viele Eltern verzweifeln lässt und oft ist man mit den Umständen komplett überfordert.

Zum Thema Frühchen und Frühgeborene habe ich ein Experteninterview mit Dr. med Florian Urlichs, Chefarzt der Neonatologie St. Franziskus Hospital in Münster und Facharzt für Kinder und Jugendmedizin geführt.

Arzt auf der Frühchen Intensivstation, Traumjob?

Sie sind Arzt auf der Frühgeborenen Intensivstation, war das ihr Traumjob? Oder wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe in Stuttgart während des Praktischen Jahres die Neonatologie kennen und lieben gelernt. Ich war fasziniert von der Vielfältigkeit der Arbeit und den Möglichkeiten am Beginn des Leben zu helfen. Der Umgang mit diesen Themen und das Vorbild meiner damaligen Kollegen hat es mir immer zum Traumjob gemacht.

Wie lange arbeiten Sie bereits in diesem Beruf?

Ich arbeite seit 14 Jahren in der Kinderheilkunde und bin seit 4 Jahren hier Chefarzt am St Franziskus Hospital.

Neben all den schönen Dingen, umgeben von den kleinen Kämpfern zu sein, gibt es auch viele negative Erfahrungen. Was war Ihr schlimmster Moment in Ihrer beruflichen Zeit?

Es gibt nicht einen Moment, der der Schönste oder der Schlimmste war. Es gab viele bedrückende, emotionale und traurige Momente und noch mehr wunderschöne und Glücksmomente. Aber ich habe sie alle immer als Teil meines Lebens und meines Berufes (meiner Berufung) gesehen und als solche akzeptiert. Es gehört alles dazu und vielleicht half mir das, damit umzugehen.

Wie geht man als Arzt am Besten damit um?

Das man immer Mensch dabei ist und nicht nur Arzt. Als Mensch lasse ich dies zu und an mich heran um mit den tieftraurigen oder himmelhochjauchzenden Momenten umzugehen.

Dr. med Florian Urlichs, Chefarzt der Neonatologie St. Franziskus Hospital in Münster bei der Untersuchung eines Frühchens

Eltern-Mitwirkung in der Betreuung

Die Betreuung der Eltern vor Ort, gehört ebenfalls dazu, wie können Eltern konstruktiv mitwirken, um ihren Kleinen „zu helfen“?

Die Eltern werden, wenn möglich schon vor der Geburt durch unser Team so an ihr Kind herangeführt, wie zum Beispiel durch die präpartale (vorgeburtliche) Bindungsförderung und präpartale Schwesternsprechstunde, indem sie möglichst in alles eingebunden werden.

Nach der Geburt geht die psychologische Betreuung der Eltern durch die Bindungsförderung weiter, indem die Eltern ab der Geburt an ihre Kinder durch Bonding, Berührung, mit den Kindern sprechen/vorlesen herangeführt werden. Später geschieht dies durch die Einbindung in die Pflege und Versorgung und ganz wichtig in die Känguruh-Pflege.

Die Eltern-Kind Beziehung steht während der gesamten Phase neben der gesundheitlichen Behandlung/Pflege im Vordergrund und ist wichtiger Bestandteil der Entwicklungsförderung.

So werden wichtige Momente und Ereignisse in der Entwicklung der Frühchen für die Eltern durch Bilder, Fußabdrücke und einer Art Tagebuch festgehalten.

Sind grundsätzlich alle Eltern dazu bereit, gewisse Maßnahmen zur Mitwirkung zu treffen, oder gibt es da auch Berührungsängste?

Natürlich gibt es Berührungsängste, aber diese werden versucht möglichst Schritt für Schritt abzubauen, so dass Eltern und Kind immer mitgenommen werden und diesen Weg der Entwicklung selber gehen können.

Wie wird bei Ihnen die Problematik solcher Berührungsängste gelöst?

Die Eltern werden Schritt für Schritt an ihre Kinder herangeführt und von Anfang an in alle Ereignisse und Maßnahmen/Entscheidungen eingebunden.

Zwischen Frühchen unterscheidet man nochmals in Extremfrühchen. Ab wann ist ein Baby ein Extremfrühchen?

Man muss da nach Gestationsalter (Zeitraum einer Schwangerschaft) und dem Gewicht unterscheiden. Bei Kindern mit einem Gewicht von unter 1500g spricht man von Frühchen. Von Extremfrühchen spricht man bei Babys, die mit einem Gewicht unter 1000g oder unter der vollendeten 28. SSW geboren werden.

Spätfolgen

Die Angst von Spätfolgen ist immer da, aber welche sind konkret möglich? Oder welche sind ab einer bestimmten Woche eventuell sogar garantiert?

Konkret sind bei Geburt, egal in welcher Schwangerschaftswoche keine Spätfolgen vorhersagbar. Die Entwicklung hängt von vielen Faktoren ab, entscheidend ist aber die Förderung und der Bindungsstatus der Mutter für eine positive Entwicklung. Auch bei Extremfrühchen an der Grenze der Lebensfähigkeit ist es möglich, dass sich diese normal entwickeln.

Wie werden die Eltern auf Spätfolgen vorbereitet?

Mit den Eltern werden die Entwicklungsmöglichkeiten, die von einer schweren Behinderung bis zu einer ganz „normalen“ Entwicklung reichen immer wieder, genauso wie die Förderungsmöglichkeiten, mit viel Zuversicht gebend und Mut machend thematisiert.

Was kann man gegen gewissen Spätfolgen im späteren Verlauf unternehmen? Gibt es Förderungen?

Das hängt sehr von der Art der Probleme des Kindes ab. Gegen manche Spätfolgen kann man wenig unternehmen. Man kann die Kinder aber mit Physiotherapie, Ergotherapie, Lerntherapie, Logopädie, Motopädie in ihrer Entwicklung unterstützen. Und vor allem auch die Familie psychologisch unterstützen und auf ein Leben mit einem Extremfrühgeborenen vorbereiten.

Und zum Schluss, kann man irgendwann sagen „Ein Frühchen ist nun aus dem Schneider?“ also sprich ab einem gewissen Alter sieht/merkt man das Frühchen-Sein, dem Kind nicht mehr an?

Das hängt auch von der Entwicklung ab und die verläuft die ganze Kindheit ab und die ist eigentlich nie wirklich abgeschlossen.

Man kann aber sagen, dass ein Frühchen in Bezug auf eine Spastik im Alter von ca. 2 Jahren weitgehend aus dem Schneider ist (wenn sich bis dahin keine entwickelt hat, dann kommt auch keine mehr), die Lungenentwicklung setzt sich bis zum 7.-8- Lebensjahr fort und die kognitive Entwicklung das ganze Leben lang.

So kann man immer nur bei einem ausbleibenden oder verzögerten Entwicklungsschritt diesen konstatieren.
Gleichzeitig gibt es aber Frühchen, denen man nach wenigen Monaten das Frühchen-Sein äußerlich nicht mehr
anmerkt. Hierzu findet ihr ein tollen Beitrag in der Welt über ein Extremfrühchen das in der 22. SSW mit 490g geborgen wurde (Hinweis der Redaktion).

Herzlichen Dank,  Herr Dr. Urlichs für dieses interessante und aufschlussreiche Interview!

Eure Yvi (Babytalk – Autorin)


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