Wann ist ein Kuss nur ein Kuss?

24. Januar 2018 -



Wo liegen die Grenzen beim Kuscheln mit Kindern und Babys

In den letzten Jahrzehnten ist die Verunsicherung, vor allem der Väter, immer größer geworden.

Aus meiner Praxis als Therapeut habe ich mehr Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch und vielen anderen Arten von Grenzüberschreitungen gemacht, als ich es mir vorher hätte vorstellen können. Und diese geschahen (bei meinen Klienten) fast ausnahmslos in der Kindheit.

In fast allen Fällen handelt es sich hierbei um eine klare Grenzüberschreitung, so dass Eltern und Verwandte nur sehr selten ungewollt eine Grenzüberschreitung begehen. Das bedeutet, dass man als Eltern ausgiebig entspannt und unbedenklich mit seinen Kleinen Kuscheln kann! Die meisten Kinder brauchen und genießen dies. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, näher auf die verschiedene Arten der Grenzüberschreitung einzugehen.

Wo liegen die Grenzen einer Grenzüberschreitung?

Grob kann man als Richtung die „Energie“ und /oder den Vorsatz des Erwachsenen bzw. Älteren nennen, denn nicht selten sind es ältere Brüder. Wenn man beispielsweise als Elternteil mit den Kleinen tobt und dabei unbeabsichtigt die Geschlechtsteile der Kinder berührt, ist dies für das Baby/Kind vollkommen unproblematisch.

Dabei wird eine scheinbar leichtfertige Berührung an einem aus sexueller Sicht unbedenklichen Körperteil aus dem Bedürfnis nach sexueller Befriedigung sehr wahrscheinlich als grenzüberschreitend empfunden.

So kann das Hoppe Hoppe Reiter spielen ein Spaß für beide Beteiligten sein, was es meistens auch ist, und es kann als vermeintlich unverfängliches Spiel, missbraucht werden. Wenn ihr verunsichert seid, achtet auf die Blicke und Laute,  welche eurer Kind dabei von sich gibt.

Nicht selten werden sogar sexuelle Phantasien Älterer von Kindern als verunsichernd und auf Dauer traumatisch empfunden auch ganz ohne körperliche Übergriffe.

Und was an einem Tag ok ist, kann schon an einem anderen Tag nicht mehr ok sein.

Das bedeutet, dass es als Erwachsener wichtig ist, achtsam für solche Änderungen zu bleiben. Beim Toben ist es dazu hilfreich ein Gespür zu entwickeln kurz vorher aufzuhören, bevor es dem Kind zu viel wird. Doch spätestens wenn es STOP sagt, sollte man aufhören.

Der Kuss auf den Mund

Ein Kuss auf den Mund kann genauso gut ok, wie grenzüberschreitend sein. Auch hier liegt es an der „Motivation“ des Erwachsenen, der Dauer UND zudem an dem Einverständnis des Kindes. Wiederum nicht selten sind Kinder nicht in der Lage ihr Unbehagen zu äußern, da sie mit der Verarbeitung dessen, was gerade mit ihnen passiert überfordert sind. Und da es meistens Vertraute Personen sind, meinen sie, dass es wohl ok sein muss, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Mit der Zeit, wächst dieses Unbehagen immer mehr und der Gedanke, dass es nicht ok ist, wird immer stärker.

Babys fällt es dagegen häufig noch leichter ihr Unbehagen zu äußern. Ihr Einverständnis können sie dagegen nicht geben.

Verständnis für Scham

Das empfinden von Scham gehört zumindest in unserer Gesellschaft zum Erwachsen werden dazu. Es hat etwas mit der Veränderung des Verständnisses von sich selbst und seinen Grenzen zu tun.

Mögliche Folgen einer bzw. regelmäßiger Grenzüberschreitungen

Das Trauma einer Grenzüberschreitung wächst mit dem Vertrauensverhältnis zu der Person, das heißt, je näher die Person zu dem Kind steht und der Häufigkeit. Was nicht heißt, das einzelne Grenzüberschreitungen für das Kind ok sein könnten! Schon nach einem Missbrauch ist das Vertrauen zu der Person und sich selbst gestört. Da Missbrauchsopfer sich vor allem als Kinder für die „Tat“ verantwortlich fühlen. Das kann zu folgenden Überzeugungen führen wie:

Ich bin

  • nicht ok, da ich es nicht mag.
  • nicht liebenswert, da mir so etwas angetan wurde.
  • muss etwas falsch gemacht haben, sonst hätte man mir so etwas nicht angetan.
  • muss schuldig sein und dies ist wohl meine Strafe.

Kinder verlieren das Vertrauen zu sich und in ihre Familie/Umwelt.

Ein dauerndes schlecht reden und kleinmachen eines Kindes stellt ebenso einen Missbrauch (psychischer Missbrauch) da, wie ein körperlicher Missbrauch. Unser „Gehirn“ unterscheidet nicht zwischen Vorstellung und Realität und bei verbalem Missbrauch laufen nicht selten „Filme“ im Kopf des Kindes bzw. Betroffenen ab.

Menschen die Missbrauchserfahrungen gemacht haben, tragen häufig ein Leben lang ein Misstrauen anderen Menschen gegenüber mit sich und es ist sehr wichtig für sie, dass sie von ihrem Partner und anderen ihr nahestehenden Menschen Verständnis dafür erhalten.

Berührungen von Seiten des Babys 

Vor allem im ersten Lebensjahr kann der neue Erdenmensch Dinge besser über den Mund als mit den Händen wahrnehmen, was zu „verfänglichen“ Situationen insbesondere zwischen Papa und Baby führen kann. Nicht zuletzt beim Kuscheln und in der Badewanne.

Dabei ist es am besten ganz ruhig und so entspannt wie möglich zu bleiben und sich bewusst zu machen, dass es reine unschuldige Neugierde ist, die Welt zu erkunden und absolut nichts mit SEX zu tun hat!

So entspannter wir bleiben, umso unverfänglicher und schneller wird das Baby diese Situation erleben und seine Aufmerksamkeit anderen spannenden Dingen widmen.

Fazit

Schaut nicht weg, doch macht Euch auch nicht unnötig viele Gedanken.

Weniger ist mehr, manchmal sind Kinder langsamer im Ausdruck von etwas was ihnen unangenehm ist oder wissen nicht, was sie von einer neuen Erfahrung oder Gefühlen halten sollen, sodaß es hilfreich sein kann, aufzuhören, wenn es am Schönsten ist. Zum Beispiel ist es für das Kind angenehmer, wenn wir mit dem Kitzeln aufhören, bevor es selber stopp sagt. Und wenn es Stopp sagt, unbedingt innehalten, nachfragen und ggf. aufhören.

Wichtig ist als Erwachsener immer wieder wachsam zu sein und das Baby oder Kind

Keinen General-Verdacht gegenüber Partnern, Großeltern, sowie Onkeln und Tanten

Kinder wollen keinen Sex mit anderen! Was nicht heißt, dass sie schon früh gefallen daran finden können an ihren Geschlechtsteilen rumzuspielen. Und dies sollte man ihnen auch nicht nehmen und nicht kritisieren. Es ist ein Weg sich und seinen eigenen Körper kennenzulernen.

Euer Deva (Babytalk – Redaktion)

Beitragsfoto: Creativa Images / shutterstock

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