Achtsamkeit im Umgang mit Babys  

23. August 2017 -



Achtsamkeit ist in aller Munde. Doch es ist nicht nur ein Modewort. Dahinter steckt eine Haltung im Umgang mit anderen Lebewesen. Sind das nun Tiere und Pflanzen, andere Erwachsene oder eben Kinder. Verena vom Blog Mamirocks hat dazu diesen sehr schönen und informativen Text geschrieben:


Auch Babys haben unsere Achtsamkeit und unseren vollen Respekt verdient. Gerade weil sie sich nicht wehren können, weil sie schutzbedürftig und wehrlos sind. Diese Grundhaltung mag für viele selbstverständlich sein und das ist gut so.

Dennoch gibt es Situationen, in denen wir unaufmerksam und zerstreut reagieren. Dies passiert häufig, wenn wir in Eile oder im Stress sind. Wie oft geht jede Achtsamkeit in der Hektik des Alltags verloren.

In diesen Momenten hilft es tief durchzuatmen, um mit allen Sinnen ins Hier und Jetzt zurück zu kehren. Sind wir präsent, sind wir achtsam. Wir schauen unserem Kind in die Augen, wenn wir mit ihm sprechen, wir achten auf seine Reaktionen.

An Bedürfnissen orientieren

Auf Bedürfnisse unmittelbar reagieren ist der richtige Weg. Auf das eigene Bauchgefühl hören und der aktuellen Situation entsprechend reagieren ist wichtiger als irgendwelche angelesenen Theorien über Kindererziehung oder was die eigene Mutter, Tante, Nachbarin meint, als sakrosankt in den Vordergrund zu stellen.

Attachment Parenting oder auf deutsch Bindungserziehung, auch bekannt als bindungsorientierte oder bedürfnisorientierte Erziehung, ist ein von Grund auf achtsamer Ansatz.

Dieser geht zurück auf den amerikanischen Kinderarzt William Sears, der ihn bereits 1982 formulierte. Zusammen mit seiner Frau Martha Sears veröffentlichte er 2001 The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby.

Wie vor ihm schon die Bindungstheorie nahelegt, weist auch William Sears daraufhin, dass stabile Mutter-Kind-Bindungen aus einer harmonischen Gefühlskommunikation erwachsen.

Dabei geht die Mutter stets „responsiv“ vor, also feinfühlig. Dieser Begriff stammt ebenfalls aus der von Mary Ainsworth stark geprägten Bindungstheorie und steht für die Qualität der Reaktion der direkten Bezugsperson auf den Säugling.

Durch diese wiederum entsteht sichere Bindung.

William Sears schreibt vom „Babyreading“, ein selbsterklärender und sehr anschaulicher Begriff. Die Mama „liest“ die Signale ihres Kindes, liest ihm förmlich von den Lippen, den Augen und aus seinem Verhalten.

Damit beide sich auf eine gemeinsame Welle einschwingen können, ist Körperkontakt ein ganz wichtiger Aspekt.

Er gehört zu den von William Sears formulierten sieben Baby-Bs, die helfen sollen, die Sensibilität der Mutter zu steigern.

Neben der Aufnahme des Körper- und Augenkontakts unmittelbar nach der Geburt, gehört dazu Stillen nach Bedarf, möglichst häufiges Tragen des Kindes, das Schlafen im Familienbett, der Versuch jedem Schreien zuvorzukommen, indem auf die Signale des Kindes unmittelbar eingegangen wird, der Verzicht auf Einschlaftraining à la Ferber & Co. sowie die Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter.

Letzter Punkt ist besonders wichtig für einen achtsamen Umgang mit dem Baby, denn wie eingangs bereits erwähnt, hindern Stress und Hast uns daran achtsam zu sein.

Von allen anderen Punkten – ohne Zweifel allesamt gut und wichtig für eine sichere Bindung – sollte sich keine frischgebackene Mutter unter Druck setzen lassen.

Klar ist es wunderbar zu stillen, doch auch ein Flaschenbaby bekommt keinen psychischen Knacks, weil es mit dem Stillen nicht geklappt hat und kann achtsam und liebevoll gefüttert werden.

Auf Situationen reagieren lernen

Baby sitzt mit Spielzeug am Strand

Achtsamkeit lehrt uns, sich mit spannenden Theorien zu beschäftigen, ihnen aber nicht sklavisch zu folgen. Vielmehr hilft das Konzept der Achtsamkeit, auf die aktuelle Situation einzugehen.

Daher lohnt es sich für jedes Elternpaar, konkret und ständig von Neuem zu überprüfen, ob alle Beteiligten sich wohl und zufrieden fühlen.

Ich bin ein vehementer Befürworter des Familienbetts und gegen jedes Einschlaftraining. Doch als ich plötzlich mit drei kleinen Wesen unter 2 Jahren da saß, war mir klar, das ich in so einem „überbevölkerten“ Familienbett die ganze Nacht kein Auge zudrücken würde.

Zuviel Angst hatte ich, eines der Babys zu überrollen, um entspannt schlafen zu können. Da ich aber bis zu zehn Mal in der Nacht aufstehen musste, um zu stillen und zu trösten, benötigte ich ein Rückzugsgebiet: mein Bett.

Also reagierten wir auf unsere spezielle Situation und verabschiedeten uns vom Konzept Familienbett, das wir mit nur einem Kind entspannt praktiziert hatten.

Um auf plötzlich auftretende Situationen im Umgang mit dem Kind achtsam und angemessen zu reagieren, ist geistige und körperliche Aufmerksamkeit erforderlich.

Nur ein präsenter Mensch ordnet die Äußerungen des Kindes richtig ein. Dazu gehören Mimik- und Verhaltensänderungen.

Natürlich ist dies nicht immer ganz einfach und es dauert bisweilen ein wenig, bis der Grund des Unwohlseins eines Säuglings erkannt ist.

Wichtiger als immer gleich zu wissen, was das Baby braucht, ist es sich nicht von den eigenen Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten beeinflussen zu lassen.

Mit einer unmittelbaren, prompten Reaktion vermittelt der Erwachsene dem Kind übrigens auch die Wirksamkeit seines Verhaltens.

Dies geschieht entsprechend dem Alter des Kindes mit Körperkontakt, einer beruhigenden Melodie oder mit erklärenden Worten.

Bei Angst etwa würde man ein Baby schützend in den Arm nehmen, einem größeren Kind aber zusätzlich eine Geschichte erzählen, die ihm die Angst nimmt oder mit ihm ein Gespräch über angsteinflößende Dinge beginnen.

Auch bei offensichtlicher Langeweile reagiert der Erwachsene mit einer Einladung, die den Entdeckerdrang des Kindes anregt, etwa durch ein Spielzeug.

Weitere Beispiele betreffen etwa passende Kleidung: bei 35 Grad im Sommer braucht das Baby eben keine Mütze (ggf. einen Sonnenschutz) und keinen Langarmbody plus Babydecke wie das in Mitteleuropa von Generation zu Generation als tradiertes Babywissen eben so weiter gegeben wird.

„Es könnte ja ein Zug kommen.“ (O-Ton Oma). In südlichen Ländern, wo es den ganzen Sommer über so heiß ist, haben die Kleinen meist nichts mehr an als Windeln und einen kurzen Body.

Darüber war ich sehr erstaunt. Ebenso oft habe ich mein Baby im Winter und in der Übergangszeit viel zu dick angezogen, bis mir eine Hebamme den Tipp gab, die Temperatur im Nacken zu fühlen und nicht an den Händen.

Doch auch zu so etwas scheinbar simplen wie der richtigen Kleidung braucht es Selbstvertrauen, d.h. ein Vertrauen in sich selbst, das Richtige zu tun bzw. auch einmal einen Fehler zu riskieren.

Das Motto für alle Baby-Belange heißt fühlen, in Kontakt treten, reagieren.

Achtsam mit der Natur

Ein weiterer Bereich der Achtsamkeit ist das Erleben der Natur. Selbst kleine Babys sollten nicht stets steril verpackt in ihrer Babyschale liegen. Lasst sie frei, die Babys.

Legt sie auf einer Decke mitten in die Wiese, im Schatten eines Baumes und ermöglicht ihnen die kühle Brise im Sommer und einen Ausflug mit dem Schlitten durch den Schnee in klirrender Kälte, gut geschützt in einem kuscheligen Lammfellsack.

Müssen es immer nur Plastik und synthetische Stoffe sein? Lammfelle und Baumwolle, Leinen, Rohseide und Wolle, unbehandeltes Holz und Filz sind alles Materialien, die Babys und Kindern auf keinen Fall (!) vorenthalten werden dürfen.

Holt euch die Natur mit Naturmaterialien in die Stube. Die Kleinen können nach Herzenslust auf diesen Herumkauen und sich nackig auf einem Lammfell räkeln.

Lasst Kleinkinder barfuss gehen, damit sie spüren lernen  und kitzelt die Kleinsten mit einem Grashalm. Es ist so wichtig die Elemente zu spüren, Sonne, Wind und Regen, aber auch das Fell einer Katze ist eine aufregende Erfahrung.

Das gemeinsame Erleben der Natur hat übrigens noch einen positiven Nebeneffekt:

Auch die Eltern beginnen wieder, die Welt mit Babys Augen zu entdecken. Hier einen Käfer oder einen Regenwurm zu verfolgen, dort barfuss mit den Zehen im Matsch graben …

All das ist für die eigene Achtsamkeit oft eine wahre Befreiung vom Erwachsenenleben. Wieder Kindsein dürfen, spielen und entdecken, gefällt vielen Erwachsenen richtig gut, denn was sind wir denn anders als großgewordene Kinder!

Eure Verena (Babytalk – Autorin)

Beitragsbild: Nikolic Dragoslav / shutterstock
Foto 2: DONOT6_STUDIO / shutterstock


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